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    Mario Merz    
   

Galerie Tschudi Zuoz, 22. Dezember 2003 bis 20. März 2004
Vernissage: 21. Dez. 2003, 16 bis 18 Uhr

«Der Künstler ist jemand, der das Unglück kennt und das Jenseits des alltäglichen Tuns sucht. Darum tendiere ich zum Unrichtigen und nicht zum Richtigen. Ich verstehe nicht, warum das niemand merkt.» 1

Mario Merz, wichtigster Protagonist der «Arte Povera», Schweizer Staatsbürger, wird am 1. Januar 1925 in Mailand geboren. In seiner frühen Kindheit Umzug nach Turin. Besuch des Gymnasiums. 2 Jahre Medizin-Studium an der Turiner Universität. 1944 schliesst sich Merz der antifaschistischen Gruppe «Giustizia e Libertà» an. Verhaftung beim Verteilen politischer Manifeste. Im Gefängnis entstehen erste Zeichnungen. Bekanntschaft mit Luciano Pistoi, Kunsthistoriker und -kritiker. Nach der Entlassung setzt er in der freien Natur das Zeichnen fort, beginnt als Autodidakt zu malen. 1949 veröffentlicht Pistoi eine Zeichnung des Künstlers in der kommunistischen Zeitung «L’Unità». In seinem späteren Werk setzt Merz Zeitungspapier als sozialpolitischen Hinweis ein. In den frühen Fünfzigerjahren entstehen kraftvolle Ölbilder (Naturthemen, «Landschaftsbilder») in der Tradition des «Informel».

1954 erste Einzelausstellung in der Galleria La Bussola, Turin. Ende der Fünfzigerjahre Reise mit seiner Frau Marisa in die Schweiz. In den Bergen schafft er naturnahe Zeichnungen und Bilder. Reisigbündel erscheinen in seinen Arbeiten. Anfangs der Sechzigerjahre Rückkehr nach Italien. Merz arbeitet während eines Jahres an einem Bild, einer 15 cm dicken Farbspirale auf Leinwand. «Ich hatte alle Farbtuben von Pisa und Viareggio aufgekauft und alle in dem Bild verarbeitet. Es war vollkommener Wahnsinn». 2 Wiederholt erscheint die Spirale in seinen Arbeiten: magisches Motiv, Symbol für die Weiterentwicklung biologischen Lebens.1962 Einzelausstellung in Pistoi‘s Galleria Notizie, Turin. Ab 1964 Experimente mit «vorspringenden Strukturen», der «Vereinigung der bisher getrennten Ausdrucksmittel von Malerei, Skulptur und Farbkörper in einem Werk, das zugleich geschlossen ist und sich in den Raum öffnet.» 3 «Ab Mitte der sechziger Jahre beherrscht die Pop Art mit ihren trivialen Motiven aus der Konsumwelt den Markt, nachdem sie 1964 auf der Biennale in Venedig ausführlich vorgestellt worden war. Im Rahmen einer Hinwendung zur Alltags- und Trivialkultur erregen ausserdem die Material-Assemblagen der 1960 gegründeten französischen Nouveaux Réalistes Aufmerksamkeit. 4 1964 eröffnet Gian Enzo Sperone in Turin seine Galerie für aktuelle Tendenzen, Treffpunkt, Diskussionsforum für Künstler, Kunstkritiker, Schriftsteller, Philosophen und politische Aktivisten. In Italien arbeiten zu der Zeit nebst Mario Merz u.a. Künstler wie Alberto Burri, Piero Manzoni, Luciano Fontana, Michelangelo Pistoletto, Jannis Kounellis mit «armen» Materialien.» «Arm» meint eine Reduktion der instrumentellen Mittel, eine Besinnung auf die eigene Person, die Möglichkeiten des eigenen Körpers und die Interaktion mit dem unmittelbaren Umfeld, eine Wertschätzung der Materialien und der Natur.«Arm» versteht sich in Gegenüberstellung zu einer von Wirtschaftswunder, Massenmedien und Technologie geprägten Umwelt.» 5 Parallel entwickelt in Deutschland Joseph Beuys den «anthropologisch erweiterten Kunstbegriff». Zeitgleich entstehen in den USA, Minimal-, Concept- und Land-Art. 1965/66 reist der Kunstkritiker Germano Celant durch Italien, um eine Sammlung zeitgenössischer Werke (Museo sperimentale) zusammenzustellen, trifft entscheidende Künstler, Galeristen Kunstkritiker. 1967 erste Ausstellung «Arte povera – IMspazio» in der Galleria La Bertesca, Genua. Celant formuliert im Katalogtext das Ziel einer Neudefinition von Kunst. «...Eine Kunst, die in der linguistischen und visuellen Anarchie, im immerwährenden Nomadentum des Verhaltens ihren höchsten Grad an Freiheit findet.» 6 In der Folge kuratiert Celant mehrere Ausstellungen unter diesem Titel. 1966 durchbohrt Merz erstmals seine mit unbemalter Leinwand bespannten Strukturen mit Neonstäben. «Die Neonröhre, die für ihn Licht, Lichtbalken Lichtfluss, Lanze ist, wird zum Instrument der Zerstörung. Den Dingen soll ihr kommuner gegenständlicher Status genommen werden. Der Neonstab verbindet die Gegenstände aber auch, er überträgt Energien des Organischen ins Anorganische, symbolisiert das Übergehen von einem ins andere, wird Natur, wird zum Weinstrahl aus der Flasche, der vielgeliebten. Dieses neue Dinggefühl führt 1967 zu handwerklich hergestellten, weidengeflochtenen, überdimensionierten Körben und Kegeln, unnützen, wunderbaren Gegenständen in ihrer archaischen, rustikalen Präsenz, und letzlich zum Iglu, dieser genialen Wiederfindung, Auffindung, Wiederbelebung eines universalen Topos, des Urhauses, des Welthauses.» 7 Der Iglu, Form, Funktion und Werk in einem, wird zu einer der Ikonen der europäischen Nachkriegskunst, der Kunst des 20. Jahrhunderts, zum «Markenzeichen» von Mario Merz. «Was mich stets faszinierte am Iglu, war seine Einfachheit und gleichzeitig seine Auslöserfunktion im Gehirn und im Herzen. Da ist einmal die Funktion: die Halbkugel räumt auf mit der zweidimensionalen Fläche, gleichzeitig ist sie wie eine Seifenblase eine Minimalform, also eine auf jedem Punkt ihrer Oberfläche stets maximal plastisch angespannte Haut und schliesslich auch ein wand-unabhängiger autarker Körper im Raum.» 8 Der Iglu, auch als Schriftträger, erstmals 1968. Merz überzieht ihn mit der Neonabschrift des zum Sieg führenden Satzes des nordvietnamesischen Generals Giap: «Wenn der Feind sich zusammenballt, verliert er an Terrain, wenn er sich verteilt, verliert er an Kraft». In den folgenden Jahren schafft Merz zahlreiche Varianten von Iglus (Ton, Glas, Steinplatten, Reisig etc.). Die Schaffung von Varianten eines plastischen Typus genügen ihm nicht. «Zur Utopie gehört das Denken, Denken ist Wachstum. Und Wachstum ist Natur. In der Zahlenreihe des italienischen Mathematikers Fibonacci ( jede Zahl ergibt sich aus der Addition der beiden vorausgehenden Zahlen: 1,1,2,3,5,8,13,21...) findet Merz zu den Gesetzmässigkeiten in der Natur; zuerst in Kombination mit ausgestopften Tieren, dann in der Ausweitung auf die Information (Zeitungen), die Beschleunigung (Motorrad). Diese Wachstumsgesetze generieren die spiralförmig angeordneten Tische, diesen Gebrauchsgegenstand einer sitzend tätigen Gesellschaft, nachdem für den Bauer der Acker, die Erde, der grosse Tisch ohne Füsse war, und die Proliferation aus Nachrichten.» 9
1972 internationaler Durchbruch auf der von Harald Szeemann kuratierten Documenta V in Kassel.

«Umwandeln kannst du auf der Erde alles, doch entfernen nichts. Kein Staubkorn kannst du von der Erde entfernen, auch den Mond nicht, denn die Erde würde total von ihrer Bahn abkommen. Das weiss nicht nur der Intellektuelle, das weiss jeder. Und das gefällt mir, weil deshalb niemand ein Reisigbündel von meinen Arbeiten entfernen kann.» 10

Mario Merz stirbt am 9. November 2003 in Mailand.

Nebst bedeutenden Werken von Mario Merz werden Arbeiten von Carl Andre, Balthasar Burkhard, Hamish Fulton, Callum Innes, Martina Klein, Richard Long, Ulrich Rückriem und Not Vital gezeigt.

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1 Zitat Mario Merz, «Gespräche mit der Redaktion», Kunstzeitschrift «Parkett», No. 15/88
2 Zitat Mario Merz, in Harald Szeemann: «Zeitlos auf Zeit – Das Museum der Obsessionen», Lindinger + Schmid, Regensburg 1994
3 Harald Szeemann: «Zeitlos auf Zeit – Das Museum der Obsessionen», Lindinger + Schmid, Regensburg 1994
4 Nike Bätzner: «Arte povera», Verlag der Kunst, Dresden/Basel 1995
5 Ebd.
6 Zitat Germano Celant in Nike Bätzner, «Arte povera», Verlag der Kunst, Dresden/Basel 1995
7 Harald Szeemann: «Zeitlos auf Zeit – das Museum der Obsessionen», Lindinger + Schmid, Regensburg 1994
8 Ebd.
9 Ebd.
10 Zitat Mario Merz in «Gespräche mit der Redaktion», Kunstzeitschrift «Parkett», No. 15/88

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